Seit wann wird die Mistel in der Onkologie eingesetzt?
Die klassische Naturheilkunde verwendet die Mistel als Tee bei zu starken Monatsblutungen und als blutdrucksenkendes Mittel. Seit 1850 wird die Mistel auch in den Arzneimittelschatz der Homöopathen übernommen. Im Jahre 1917 findet die Mistel Eingang als injizierbares Krebsheilmittel durch die in Züricher praktizierende Gynäkologin Frau Dr. Ita Wegmann. Sie folgt den Angaben von Rudolf Steiner, der den Zusammenhang zwischen der Mistel und der Tumorkrankheit durch seine empirische Geisteswissenschaft erkannte.
Botanik und Biologie der Mistel
„Nichts an dieser Pflanze ist normal“- so fasst der bekannte Botaniker Carl von Tubeuf seine Begegnung mit der Mistel zusammen. Sie wächst nicht in der Erde, braucht einen Baum, in dem sie ihren immergrünen Senker (ganz anders als eine normale Pflanzenwurzel) mit dem Mineral- und Flüssigkeitsstrom des Baumes verbindet. Besonders im Frühjahr vor der Belaubung des Baumes nimmt die Mistel viel vom Wirtsbaum auf. Die immergrüne Mistel hat natürlich eine eigene Photosynthese. Deshalb gilt sie auch als Halbschmarotzer, weil auch der Baum von ihr profitiert.
Aber besonders bedeutend ist die zeitliche Emanzipation in der Entfaltung der Pflanze im Jahreskreis. Fast alle Entwicklungsrhythmen finden sich gegenläufig zu den anderen Pflanzen. So blüht und fruchtet die Mistel im Winter, auch ihr starkes Wachstum fällt in die Zeit wo die vegetative Entfaltung der anderen Pflanzen ruht oder gar nicht sichtbar ist.
Sie hat ein extrem langsames Wachstum, bleibt in Ihrer Gestaltbildung einfach und primitiv, jugendlich. Ein Stengl, ein Blattpaar mit 3 Knospen für den nächsten Trieb und die Blüte bilden die jährliche Stufe der Pflanzenentwicklung. Nach fünf bis sieben Jahren bilden sich die ersten Blüten mit den weißen Beeren im Winter. Auch die haben eine Besonderheit. Ohne dichte, feste Außenschale bleibt der Embryo immer im Licht. Ohne diese Lichtbeziehung verliert der Keimling seine Vitalität und stirbt. Auch da ganz anders als bei den Samen der anderen Pflanzen, die sich hinter einer festen, Lichtundurchlässigen Schale für meist viele Monate in der Erde vom Licht verstecken.
Die Verbreitung der Beeren erfolgt durch die Misteldrossel und durch die Mönchsgrasmücke im Frühjahr und Sommer. Somit ist die Mistel nicht nur auf Bäume, sondern auch auf das Tierwesen angewiesen. Die Mistel ist eine zweihäusige Pflanze, die männlichen Pollen werden im Frühjahr von Insekten auf die weibliche Mistel übertragen.
Alle Pflanzen stellen sich in ihrer räumlichen Entfaltung in den Raum zwischen Himmel und Erde. Die Mistel tut das nur in ihren ersten Entwicklungszyklen. Dann ab dem 3.-5. Jahr bildet sie die ihre eigene, fast spezifische Kugelgestalt. Mit dem Senker am Ast findet sie ihren Mittelpunkt für die Kugelgestalt. Die wie von einem Zentrum aus, eine Sphäre umschließen, alles ist Ausdruck von spezifischen Bildekräften, die in der Pflanze arbeiten.
Wir finden „das Profil eines Sonderlings“. Er wächst nicht auf der Erde, bleibt immer primitiv in der Gestalt, orientiert sich nicht an der Sonne und am Erdmittelpunkt, emanzipiert sich aus den Rhythmen der Jahreszeit, blüht und fruchtet im Winter. Beschleunigt oder verzögert Entwicklungsrhythmen, der Embryo im Samen muss immer am Licht bleiben. Alle diese Phänomene zeigen das Bild einer außergewöhnlichen Pflanzenwesenheit. So kann man als Laie schon gut erahnen, dass sie besondere Kräfte und Stoffe in sich trägt, um den Menschen gut in seinem Weg durch die Krebskrankheit zu begleiten.
Pharmakologische Wirkung
Viele präklinische und klinische wissenschaftliche Untersuchungen lassen eine Fülle von Wirkungen erkennen. Inhaltstoffe der Mistel, wirken selektiv hemmend und zerstörend auf das Tumorzellwachstum (zytotoxisch, zytolytisch). Der natürliche Zelltod, der bei der bösartigen Tumorzelle wie aufgehoben erscheint kann durch Mistellektin, eine besondere Substanz in der Mistel, wieder hergestellt werden. Während der Chemotherapie eingesetzt, zeigt die Mistel Schutzeffekte auf die DNA bestimmter weißer Blutzellen, die für die Tumorabwehr wichtig sind. Auch die immunstimulierende Wirkung im unspezifischen und spezifischen Immunsystem ist sehr gut belegt, sie hat auch eine starke antioxidative Kapazität.
Die Wirkung der Mistel auf den tumorkranken Menschen
Nicht nur in der Diagnose, sondern auch in der Wirksamkeitsbeurteilung von Heilmitteln versucht die integrative Onkologie den Blick auf den ganzen Menschen zu richten. Dabei bewährt sich in der Praxis auf vier Betrachtungsebenen des Erkennens zu suchen.
Die erste Ebene ist die Ebene der Befunde, die Welt der messbaren Fakten und abbildbaren Phänomene. Das Körpergewicht, das Blutbild, das Röntgenbild und MRT-Aufnahme, mikrobiologische Diagnostik, Gentests und anderes mehr. Auf dieser Ebene hat die konventionelle Medizin unglaubliche Fortschritte gemacht, mit unterschiedlichen Studiendesigns lassen sich auch komplexe Phänomene und Wirkungen gut eingrenzen und bewerten. Auf dieser Ebene zeigt die Mistel die Blutbildveränderungen die bereits erwähnt wurden, die die Immunanregung und Immunmodulation beschreiben. Starke Wirkungen kann man auch an der Verbesserung der Lebensqualität und an dem Tumor-Fatigue erkennen. In allen Stufen der Krebserkrankung und besonders auch additiv zur Chemotherapie mit Nebenwirkungsreduktion sind diese Wirkungen wissenschaftlich sehr gut gesichert. Mittlerweile gibt es auch gute Daten die eine Lebenszeitverlängerung in der Kombination mit Standarttherapien, auch mit den modernen Biologicals, erkennen lassen. Alle Daten weisen darauf hin, dass es keine negativen Interaktionen mit den Standarttherapien gibt. Man nimmt sogar an, dass es Synergien zu den konventionellen Therapien gibt. Die Safety-Daten beschreiben die Misteltherapie als eine sehr sichere und wirkungsarme Therapie.
Die zweite Ebene finden wir im Befinden, in der Lebenskraft des Patienten. Dies Ebene ist für das Wohlbefinden des Menschen in Krankheit und Gesundheit sehr wichtig. Das subjektive Erleben der körperlichen Kräfte, der Ausdauerkräfte, der Belastbarkeit in der sozialen Interaktion, auch der kognitiven Stärke mit der Gedächtnis- und Konzentrationsleistung ist ein wesentliches Thema in der Tumorkrankheit. Der Tumor selbst und die konventionellen Therapien belasten den Patienten auf dieser Ebene der Vitalität sehr stark. Gerade das Tumor- Fatuige wird als sehr belastend erlebt. Die Mistel hilft tiefgreifend die Lebenskräfte anzuregen. Die Folge sind eine Zunahme der Gesamtvitalität, der körperlichen und seelischen Kräfte, Appetits und meist des Körpergewichtes, eine Verringerung der Erschöpfung und Müdigkeit. Verbesserung des Schlafrhythmus und der Schlaftiefe und eine gesunde Erwärmung des Organismus sind wichtige Therapiewirkungen. Die meisten Tumorpatienten fühlen sich kalt im Körper als Folge des Tumors oder der Standarttherapien. Die Anhebung der Körperkerntemperatur und des Circadian- Rhythmus der Temperatur bringen eine starke Verbesserung des Wohlbefindens. Diesen Wirkungen kann man schon bald nach dem Beginn einer Misteltherapie erwarten.
Die dritte Ebene finden wir in dem seelischen Erleben des Patienten, in seinen Emotionen und Stimmungen. Mehr oder weniger bewusste Ängste, teilweise existentieller Natur, belasten den Patienten. Resignation, Depression, Ohnmachtsgefühle, Schuldgefühle sind dabei psychische Realitäten. Die Mistel hat einen leicht antidepressiven Effekt. Sie vermag dem Patienten wieder Mut und Tapferkeit zu geben, nach vorne zu blicken. Innere seelische Stärke für die Krankheitsbewältigung, sich gegen die Krankheit zu stellen, nicht aufzugeben, weiterzukämpfen. In höheren Dosierungen hat die Mistel einen schmerzlindernden Effekt, der die Palliativtherapie gut unterstützen kann.
Die vierte Ebene ist die Ebene des Ich-Erlebens und der Ich-Wirksamkeit. Ein Bereich in seinem innersten Zentrum seiner Persönlichkeit, den der Mensch nur selbst verändern kann. Nichts von außen kann in dieses Allerheiligste des Menschen eindringen. Aber Unterstützung kann es von außen geben. Auch dabei ist die Mistel ein guter Begleiter. Wieder seinen Lebensweg zu finden, seine verlorene Lebensmelodie zu finden kann zum erhofften Ziel werden. Autonomie und Selbstbestimmung kann unter dieser Therapie zunehmen. Perspektiven können geöffnet werden, Fragen, nach dem Sinn der Erkrankung können thematisiert werden.
Vaclaf Havel, der ehemalige Präsident der tschechischen Republik, der selbst an einem Tumor erkrankt war, sagte einmal:
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, das etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit das etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Eine Integrative Onkologie braucht solche Instrumente wie die Misteltherapie. Selbst wenn die Mistel „kein Wundermittel“ ist- das will sie und kann sie auch nicht sein- so ist sie doch ein starker, bedeutender Begleiter durch die Tumorkrankheit.
Jedem Krebspatienten würde man die Misteltherapie wünschen, eine besondere Hilfestellung zu haben in einer Krankheit, die ihn existentiell auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene bedroht, wie es vielleicht keine andere Krankheit kann.








